archiv

zurück zum Archiv
festival DER NEUE HEIMATFILM 2001
  FESTIVAL #14 - Mi. 22. bis So. 26. August 2001

Info Filme  


ZUM PROGRAMM


Die großen Migrationsströme der letzten Jahre, die neoliberalen Umstrukturierungen der Wirtschaft und die damit einhergehenden Deregulier-ungen in der Sozialpolitik lösen neue Fragestellungen aus in Bezug auf den Begriff Heimat. An den Brüchen, die die Entsolidarisierung prägen, bricht auch die Heimat auseinander. Zum Beispiel für Menschen in landwirtschaftlichen Berufen. Drei Filme, die wie Seismographen an dieser Bruchstelle Messungen versuchen, haben wir heuer im Programm: Profils paysans: L'Approche stellt dokumentarisch Kleinbauern in Frankreich vor. C'est quoi la vie erzählt den Niedergang eines großen Hofes und die Suche des Jungbauern nach seinem Platz in der Welt. Q - Begegnungen auf der Milchstrasse führt Milchbauern aus Mali und Burkina Faso zu Kollegen in die Schweiz. Bei diesen Treffen prallen Kulturen aufeinander, die verschiedener nicht sein könnten und so spricht der Film auch über so schwierig zu porträtierende Dinge wie Staunen, Selbstsicherheit, Herablassung und Achtung.

Die Schwerpunkte des Festivals liegen wieder allesamt im Off der Kinolandkarten des Mainstreams: Griechenland, das mit drei Filmen vertreten ist, wird in unseren Breiten eher als Urlaubsziel wahrgenommen, denn als Filmland. Bei Italien verhält sich das zwar anders, aber: Paolo Benvenuti und Nello Correale sind hierzulande noch wenig bekannt? Beide sind zu Gast, ihre Filme möchten wir Ihnen sehr ans Herz legen.

Wie sehr die Freiheit des Spielens bestimmend sein könnte im Zusammenhang mit Heimat, ist unseres Wissens noch wenig beachtet worden. Mit vier Filmen zu vier verschiedenen Sportarten, den Sportlern wie den Fans, ergibt sich hier eine geballte Möglichkeit, lustvoll darüber nachzudenken.

In den Videoproduktionen österreichischer KünstlerInnen wird schließlich das Nahe unserer Gegenwart unter die Lupe genommen und kann so wieder, anders, neu oder zum ersten Mal gesehen werden.

In der Phase der Filmauswahl für dieses Festival wurde ich einmal gefragt, nach welchen Kriterien Filme ausgesucht werden. Das konkret zu formulieren war gar nicht so einfach, weil es über die längere Zeit der Beschäftigung eher zu einem Gefühl, zu einer Intuition wird, was passen könnte. Was macht also den "Neuen Heimatfilm" aus? – Wesentlich ist vermutlich: er stellt mehr in Frage, was Heimat sein kann, als er es definiert.

Denn unweigerlich setzen sich in unseren Köpfen Definitionen fest, die uns nicht bewusst sind und die erst dann zum Tragen kommen, wenn z. B. wieder einmal zwischen "guten" und "schlechten" "Ausländern" unterschieden wird. Wenn ich einen Film vorab für das Festival anschaue, versuche ich diesen Punkt zu finden, wo er ein bisschen wehtut, wo er einhakt, wo ich mich selber ertappe, dass ich nur allzu gerne meiner Meinung oder einem Klischee gefolgt wäre. Wenn das passiert, sagt das noch wenig über die filmische Qualität aus. Aber ich weiss dann, dass etwas gelockert geworden ist, was starr war.

Viele anregende Stunden und einige verunsichernde Momente wünsche ich Ihnen im Namen des Festival-Teams.

Markus Zeindlinger